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Verfolgen wir die Kunsthistorie des 20. Jahrhunderts so ist doch
in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts Paris
die unübersehbare Hauptstadt der Moderne. Ohnehin ist in der ersten
Hälfte des letzten Jahrhunderts die „Szene" und damit die
gesamte Kunstindustrie monozentrisch ausgerichtet. „Man" ist
Künstler wenn man in Paris arbeitet. Von hier gehen die wesentlichen
Strömungen aus. Von hier aus nimmt die wichtige ideologisch korrekte
Kunst ihren Ausgang.
Nach 1945 bis Ende der Siebziger Jahre wird Paris von New York abgelöst.
Erst im 21. Jahrhundert zerfällt die monozentrische Kunstwelt und damit
auch die monozentrische Stilvorgabe, was man nur gutheißen kann.
Die Europäische Kunstszene erfuhr mit dem Krieg ihren Niedergang im
Rahmen der monozentrischen Sichtweise. In Europa bildeten sich nach 1945
eher polyzentrische Kunstwelten mit abgelegenen losen Verbindungen von
Künstlern, die schon aufgrund ihrer urbanen Zersplitterung und nicht
zuletzt aufgrund fehlenden Kapitales am europäischen Kunstmarkt nie
wirkliche „Trends" auszulösen vermochten – mit
Ausnahme einiger zaghafter Versuche wie etwa den „Neuen Wilden",
aber alle nur mit der üblichen Halbwertszeit des ideologischen Zeitalters.
Und erinnern wir uns: Die Kunstwelt der 70er, 80er Jahre lebt immer noch von
ideologischen Trends, diese lösen sich lediglich immer hektischer ab,
vergleichbar der Mode, die jedes Jahr schon aus kommerziellen Erwägungen
etwas „wirklich Neues" erfinden muss, letztlich in 20 Jahreszyklen
wieder zum Alten zurückkehrt und wieder von vorne beginnt, weil
Pecunia keine Rast duldet und auf die Vergesslichkeit des Publikums
Verlass ist.
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Ende der 70er Jahre ist
völlig klar wie „man" als
Künstler zu malen hat: Abstrakt. Selbst Schwergewichte wie
Picasso und der nicht so verführerische aber nicht weniger tiefsinnige
Picabia beugen sich trotz der ihnen eigenen stilistischer Vielfalt diesem Diktat.
Erst Anfang der 80er Jahre scheint die stereotypische Auffassung
„aktueller moderner Kunst" aus den Köpfen zu weichen.
Nicht nur hier auch in New York war erstmals ein
Wiedererwachen der Figuration zu verzeichnen mit Basquiat, Fischl,
Salle und Schnabel. Schnell war das Etikett
„neoexpressionistisch" erkoren, denn vom ideologischen Kategorisieren
kommt die Kunstindustrie bestehend
aus Kritikern, Galeristen etc. einfach noch nicht weg. Daher kam aber
auch Verwirrung auf. Was ist denn nun
wirklich neu an den Neoexpressionisten? Wo war das ideologische Grundmerkmal
dass die Moderne Kunst
aufweisen musste, eine gradlinige Weiterentwicklung von bisherigen
generellen Strömungen, deren treibende
Kraft einige Ausnahmekünstler sind, denen sich dann die Kunstindustrie
anschließt und sodann am Schluss auch
das kunstbeflissene Publikum. Das zwingende Nacheinander notwendiger
stilistischer Entwicklungen der
künstlerische Determinismus war zu suchen, der nach dem Glauben
seiner Akklamateure nie enden sollte.
Stilistisch waren aber u.a. die „neuen Expressionisten" nicht
einwandfrei, im Gegenteil sie waren erkennbar wankelmütige, gar
vielfältig und damit eigentlich künstlerisch unernst,
nicht authentisch, minderwertig. Es war das amerikanische Publikum,
welches die neue Kunst trotzdem frühzeitig anerkannte und auch
zu wirtschaftlichem Erfolg führte. Heute sind die Ikonen dieses
neuen Verständnisses von Kunst  |
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unübersehbar. Sie hindern
die stete ideologische Vorwärtsbewegung
nicht nur, sie lehnen sie ab. Inzwischen ist es nicht mehr so wichtig
ein Bild psychologisch zu überfrachten  und völlig veraltet
ist die Sichtweise der 70er Jahre das Bild gar auch noch technisch unzulänglich der
totalen Abstraktion zu unterwerfen.
Es sind Künstler wie Gerhard Richter, die in den
80er Jahren diese zwangsläufig zur Krise der Malerei führende
Entwicklung durchbrechen. In Amerika erlebt er aber einen fulminanten
Aufstieg, der – dann doch ganz dem
monozentrischen Kunstweltbild entsprechend – wieder nach Europa
zurückschwappt und inzwischen ist er auch
in Europa unübersehbar.
Damit ist die wichtigste Grundvoraussetzung für neue europäische
Kunst gegeben. Durch die Möglichkeit
antiideologischer antideterministischer Malerei wird der Weg in das
21. Jahrhundert möglich. „Ideologie ist
Unwahrheit, falsches Bewusstsein, Lüge, sie offenbart sich im
Misslingen der Kunstwerke… . Kunstwerke
haben jedoch ihre Größe einzig darin, dass sie sprechen
lassen, was die Ideologie verbirgt" (Adorno).

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