E c k h a r d    B e s u d e n
  Meine Malerei zu den Bildern

 
Verfolgen wir die Historie der Malerei des 20. Jahrhunderts so ist in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts Paris die Hauptstadt der Moderne. Die Kunst-"Szene" ist monozentrisch ausgerichtet. Man ist nur Künstler, wenn man in Paris malt. In Paris wird die Salonmalerei des 19. Jahrhunderts von neuen Strömungen abgelöst. Zu einem der wirksamsten Mechanismen der Künstler, um die Galeristen, Kuratoren und letztlich die Käufer auf sich aufmerksam zu machen, entwickelt sich der Skandal. "Neue", nicht anerkannten Bildinhalte, die das gängige Kunstverständnis, selbstverständlich ohne es gänzlich zu negieren, in Frage stellen, sind zu Beginn des 20. Jahrhunderts en vogue. Der Skandal ist dem künstlerisch oftmals unbefleckten Käufer wie die Versicherung, der "Beweis", es mit "großer Kunst" zu tun zu haben. Daran wird sich ein Jahrhundert lang nichts ändern, auch wenn der Mechanismus des Skandales mehr und mehr an Kraft verliert, weil sich immer mehr Künstler, auch die Unbedarften, seiner merkantilen Kraft bedienen.

Nach 1945 bis Ende der Siebziger Jahre wird Paris von New York abgelöst und nach New York ist ab Ende der 90er Jahre mehr und mehr London der Haupt-Vertreter der monozentrischen Kunstwelt. Ab 2011 werden aber bereits 33% des weltweiten Kunstumsatzes in China erzielt, sodass von hier wohl in Zukunft große Veränderungen zu erwarten sind. Möglicherweise wird die Kunstwelt polyzentrischer denn je.

An der kunstdogmatischen Antwort auf die Frage, wer ist eigentlich Künstler, hat sich in 100 Jahren wenig verändert. An den vom sogenannten 1. Kunstmarkt akzeptierten Qualitätsmerkmalen moderner Malerei scheint jede Entwicklung vorbei zu gehen. Die festen Kriterien "guter" Kunst zementieren sich vielmehr mehr denn je und die Mechanismen dazu ebenso. Der Mechnismus Skandal mag sich etwas überholt haben. Absoluten Bestand haben jedoch die sonstigen vermarktungstechnischen "Qualitätsmerkmale moderner Malerei". Ein zeitgenössischer Künstler, der für den 1. Kunstmarkt geeignete, "korrekte" Kunst malen möchte sollte u.a.
  1. eine rein künstlerische Vita aufweisen, denn eine solche grenzt ihn von 95% der Kunstschaffenden ab, was wiederum ein starkes Verkaufsargument ist.
  2. Etwas Neues machen. Hieran hat sich seit der Überwindung der Salonmalerei nichts geändert. Wenn das Neue sogar "skandalös neu" ist, schadet es nichts.
  3. Authentisch sein, im Sinne eines Wiedererkennungswertes, also seinen eigenen Stil finden. Auch dieses Merkmal ist eine wahrlich nicht neue Marketingweisheit. Der Wiedererkennungswert schafft eine Marke. Eine Marke ist besser verkäuflich, denn der Käufer kann sich ihrer rühmen: "Leute, wie Ihr seht habe ich das Geld für einen echten Picasso".
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Der Künstler muss es scheuen dekorativ zu malen, um nicht mit Kunsthandwerk in Verbindung gebracht zu werden. Das Sujet muss auf Anhieb als wahre Kunst erkannt werden.

Steffani Lucci (Um die Ecke denken) untersuchte in 2007 in ihrer empirischen Doktorarbeit das Anforderungsprofil des 1. Kunstmarktes und die zwingenden Kriterien für moderne Kunst und stellte fest, dass die in 100 jähriger Kunstgeschichte gefundenen Qualitätsmerkmale (um hier nur einige zu nennen) nach wie vor Bestand haben. Stefan Heidenreich (Was verspricht die Kunst) zeigte aber bereits 1998 auf, dass die Qualitätsmerkmale moderner Malerei zu einem Determinismus führen, einem zwingenden Ergebnis der künstlerischen Arbeit - dessen, was "man" als ambitionierter Künstler zu malen hat. Er stellte im Ergebnis fest, dass der Determinismus, das zwingenden Anforderungsprofil auch zu einem zwingenden Ergebnis führt. Das Ergebnis ist, dass die Kunst nur noch sich selbst verspricht.

Die Deutsche Kunstszene erfuhr schon vor dem Zeitalter des Internet durch den Krieg ihren Niedergang im Rahmen der monozentrischen Sichtweise. Auch im übrigen Europa bildeten sich nach 1945 eher polyzentrische Kunstwelten mit abgelegenen losen Verbindungen von Künstlern, die schon aufgrund ihrer urbanen Zersplitterung und nicht zuletzt aufgrund fehlenden Kapitales am europäischen und internationalen Kunstmarkt nie wirkliche "Trends" auszulösen vermochten. Die Kunsttheorie beschwor daher folgerichtig für das lineare Kunstverständnis Ende der 70er Jahre das Ende der Malerei. Aber die Malerei war nicht tot. Sie erfand sich durch die Reanimation des Gegenständlichen wieder neu. Die Dogmatik folgte und ersann statt des linearen Kunstverständnisses einfach das "neue" zyklische Kunstverständnis. Neo Rauch wurde einfach unter die "Neosurrealisten" subsumiert, Romero Britto gehört zur "Neo"-Pop-Art und schon ist ihre Kunst wieder "neu" im Sinne der herrschenden Dogmatik.

Auch aus dieser vermeintlichen Wiedergeburt der Malerei sah man aber vor allem Folgendes: Die Dogmatik der Malerei am 1. Kunstmarkt orientiert sich vorrangig am pekuniären Aspekt. Die Anforderungen professionelle Vita, Neuheit, Authentizität, Ablehnung des Dekorativen sollen den Sammlern Wertstabilität und Seltenheit garantieren. Um Ihnen die Überprüfung ihrer Anlage zu sichern wurden gar börsenähnliche Institutionen geschaffen. Die artprice-agency stellt den Wert von Künstlern in Form von "Aktiencharts" fest, um es institutionellen und privaten Sammlern, Kuratoren, Museen etc. zu erleichtern, ein besonders werthaltiges Kunst-Portfolio zusammen zu stellen. Übersehen wurde dabei, dass hierdurch der Determinismus noch verschärft wird, denn der Künstler wird nun in seiner Arbeit noch mehr eingeschränkt von Marktzwängen.
Wir stellen fest: Die qualitativen Anforderungen an den Künstler und sein Werk, sind nach 100jähriger Kunstdogmatik deterministisch ausgerichtet. Auch die kurzfristige Erweiterung durch das zyklische Kunstverständnis brachte den Künstlern nur eine kurze Atempause. Die "Qualitätsmerkmale moderner Kunst" bringen zwar optimale Anpassung an marketingstrategische Ziele, aber sie schränken den Künstler ein. Die Werke des 1. Kunstmarktes verarmen daher nach Auffassung der Antideterministen.

Eckhard Besuden

Am Anfang des neuen Jahrhunderts (2005) wird in London erstmals die Frage gestellt, ob die Qualitätsmerkmale moderner Malerei grundlegend überdacht werden müssen. Im Jahre 2009 veröffentlicht die Frankfurter Allgemeine Zeitung in einem Bericht über die Transition Gallery in London, und ihr neues Kunstverständnis unter der Überschrift: "Wir brauchen mehr Dilettanten". Der Skandal dient hier gerade nicht der gezielten Erzeugung von Verkäuflichkeit. Der Skandal ist die Infragestellung einer 100jährigen Doktrin. Antideterministische Malerei malt
  1. durch die nicht Professionellen,
  2. das am 1. Kunstmarkt Unverkäufliche, das Dilettantische,
  3. das Neue aber auch das Alte, ganz wie der Künstler gerade will,
  4. das Authentische, aber auch das Nicht Authentische. Der schnelle Wechsel der Mal-Stile soll verhindert die Wiedererkennbarkeit.
  5. Und der Antideterminist begeht schon mal vorsätzlich die Todsünde das Dekorative zu malen.
Mit jedem Kunstwerk, welches diesen Merkmalen genügt, wendet sich der Künstler gegen das Diktat der herrschenden Dogmatik. Er betreibt Kunstpolitik, indem er vorsätzlich die Qualitätsanforderungen des 1. Kunstmarktes ignoriert. Damit gewinnt er aber malerisch absolute Freiheit und das ist wirklich "neu".

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